Neurodermitis, Dyshidrose, Akne oder andere Hautprobleme zeigen sich sichtbar auf der Haut. Doch bei einer ausführlichen Hautanamnese interessiert mich nicht nur, was ich sehe. Mich interessiert der Mensch, zu dem diese Haut gehört.

Wenn ein neuer Patient wegen einer Hauterkrankung zu mir kommt, scheint zunächst ziemlich klar zu sein, worüber wir sprechen werden. Über die Haut natürlich.
Und selbstverständlich tue ich das auch. Ich möchte genau wissen, wann die Hautveränderungen begonnen haben, wie sie aussehen und wo sie auftreten. Ich frage, wann es besser und wann es schlechter wird, ob die Haut juckt, brennt, spannt oder schmerzt, ob Wärme oder Kälte einen Einfluss haben und ob es bestimmte Situationen gibt, in denen sich das Hautbild verändert.
Ich schaue mir die Haut an, ich berühre sie und ich höre sehr genau zu. Denn Haut lässt sich nicht nur mit den Augen beurteilen. Ich möchte spüren, ob sie trocken oder rau ist, wie sich das Gewebe anfühlt, ob es verdickt, warm oder besonders empfindlich ist.
Gerade bei Hautpatienten finde ich die Berührung wichtig. Eine Haut, die vielleicht schon lange kritisch betrachtet, versteckt oder als unangenehm empfunden wird, darf bei mir ganz selbstverständlich Haut sein.
Dann stelle ich irgendwann eine Frage, die zunächst ein wenig ungewöhnlich erscheinen kann:
„Was ist eigentlich Ihr Hauptproblem?“
Wenn die Antwort gar nicht „meine Haut“ lautet
Man könnte meinen, die Antwort sei offensichtlich. Schließlich sitzt der Mensch wegen seiner Neurodermitis, seiner Akne, seiner Dyshidrose oder einer anderen Hauterkrankung vor mir.
Aber so einfach ist es erstaunlich oft nicht.
Für den einen ist tatsächlich der Juckreiz das Schlimmste. Er schläft nachts kaum noch, kratzt sich wund und ist am nächsten Morgen erschöpft. Für eine andere Patientin ist es das Aussehen ihrer Haut. Sie fühlt sich beobachtet, möchte bestimmte Kleidung nicht mehr tragen oder versucht, jede sichtbare Stelle zu verdecken.
Manchmal lautet die Antwort auf meine Frage ganz anders. Es ist die Verdauung, die seit Jahren Schwierigkeiten macht. Oder eine bleierne Erschöpfung, die Migräne oder der schlechte Schlaf. Manchmal erzählt mir ein Mensch auch von einer Lebenssituation, die ihn vollkommen überfordert.
Die Haut ist der Grund, warum dieser Mensch den Weg in meine Praxis gefunden hat. Sie muss aber nicht zwangsläufig das sein, worunter er im Moment am meisten leidet.
Natürlich schaue ich auf Ihre Haut. Aber ich möchte auch wissen, wer in dieser Haut steckt.
Was berührt unsere Haut jeden Tag?
Dann beginnt die Spurensuche zunächst ganz unmittelbar an der Haut. Welche Pflegeprodukte werden benutzt? Welche Creme kommt morgens und abends darauf? Was steckt im Duschgel, im Shampoo oder in der Bodylotion? Welches Waschmittel wird verwendet, gibt es Weichspüler und welche Stoffe liegen direkt auf der Haut?
Manchmal sind es erstaunlich alltägliche Dinge, die eine ohnehin empfindliche Haut zusätzlich reizen können. Und nicht alles, auf dem „sensitiv“, „natürlich“ oder „für empfindliche Haut“ steht, muss deshalb automatisch für genau diesen Menschen geeignet sein.
Auch Medikamente gehören für mich zu dieser Bestandsaufnahme. Was wird regelmäßig eingenommen, was nur gelegentlich? Denn auch Arzneimittel können Hautreaktionen hervorrufen oder bestehende Hautprobleme beeinflussen.
Aber auch dort höre ich nicht auf zu fragen.
Wir sprechen über Ernährung und meistens ziemlich ausführlich über die Verdauung. Ich möchte wissen, wie ein Mensch schläft, wie er sich morgens fühlt und ob er sich nachts tatsächlich erholt. Und irgendwann sprechen wir über das Leben: über den Beruf, die Familie oder die Schule, über Konflikte und Sorgen, manchmal über die Nachbarn, über Zukunftsängste oder über etwas ganz anderes, das diesen einen Menschen gerade beschäftigt.
Nicht, weil ich hinter jeder Hauterkrankung ein psychisches Problem vermute, sondern weil die Haut nicht für sich allein lebt.
Hautbarriere, Immunsystem und Nervensystem
Je länger ich mich mit chronischen Hauterkrankungen beschäftige, desto weniger kann ich die Haut isoliert betrachten. Gerade bei Neurodermitis und Dyshidrose greifen verschiedene Regulationssysteme ineinander.
Da ist zunächst Schutz und Grenze, unsere Hautbarriere. Sie schützt uns nach außen und trägt gleichzeitig dazu bei, dass nicht zu viel Feuchtigkeit verloren geht. Ist diese Barriere gestört, kann die Haut empfindlicher auf äußere Einflüsse reagieren.
Dann gibt es Abwehr und Reaktion, unser Immunsystem. Es muss ununterbrochen unterscheiden, worauf es reagieren soll und worauf nicht. Gerade bei entzündlichen Hauterkrankungen ist dieses fein abgestimmte Geschehen von großer Bedeutung.
Und schließlich gibt es Stress und Verstärkung, unser Nervensystem. Haut und Nervensystem stehen in engem Austausch. Juckreiz kann den Schlaf rauben, Schlafmangel und Anspannung können wiederum die Wahrnehmung des Juckreizes verstärken, und manchmal entwickelt sich daraus ein Kreislauf, aus dem ein Mensch nur schwer wieder herausfindet.
Das bedeutet nicht, dass bei jedem Hautpatienten alle diese Bereiche eine Rolle spielen oder dass wir hinter jeder Hautveränderung unbedingt eine verborgene Ursache finden müssen. Für mich bedeutet es vielmehr, genau hinzuschauen und zu unterscheiden: Was ist für diesen Menschen wichtig? Wo könnte etwas die Haut zusätzlich reizen? Welche Zusammenhänge sind denkbar? Und welche Spur dürfen wir wieder verlassen, weil sie für diesen Menschen keine Bedeutung hat?
„Was fehlt Ihnen?“
Diese Frage begleitet meine Arbeit schon lange.
In Wolfram von Eschenbachs Parzival ist es schließlich eine Frage, die alles verändert. Parzival lernt, sich dem leidenden Menschen zuzuwenden und zu fragen:
„Was fehlt dir?“
Ich mag diese Frage sehr, denn sie geht nicht davon aus, dass das, was wir sehen, automatisch das sein muss, worunter ein Mensch am meisten leidet.
Jemand kommt wegen seiner Haut zu mir und am Ende unserer ersten Stunde haben wir sehr viel über Verdauung gesprochen. Oder über Schlaf, Migräne, Erschöpfung, Ernährung oder eine schwierige Lebenssituation.
Die Haut haben wir darüber nicht vergessen. Im Gegenteil. Wir haben begonnen, den Menschen kennenzulernen, zu dem sie gehört.
Eine Hauterkrankung findet sichtbar auf der Haut statt. Der Mensch, der sie trägt, ist aber sehr viel größer als seine Haut. Und genau deshalb möchte ich ihn auch so betrachten.
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